Tag 27 Oberweissenbrunn zur Enzianhütte
Ich bin früh auf. Frühstück gibt es ab halb acht. Ein gutes Frühstück ist Basis für einen Wandertag. Sicher. Mein Ziel ist heute die Enzianhütte der DAV Sektion Fulda in der Nähe der Wasserkuppe.
Zuerst geht es schon im Ort ein wenig bergauf. Ich komme an einer modernen Kirche aus Beton vorbei. Sieht nach Brutalismus aus. Das hier dieser in den frühen Siebzigern beliebten Baustil eine Kirceh erbaut wurde verwundert mich. Es ist wieder ein sonniger Tag. Kaum habe ich den Ort verlassen kommt schon die erste Steigung des Tages. Ich muss hinauf zum Hinmeldunkberg, der ein große Gipfelkreuz aus Metall trägt. Gut 300 Höhenmeter in der Sonne durch Schafweiden bergan. Zum Glück bin ich am Morgen unterwegs. Oben angekommen, setzte ich mich erstmal auf eine Bank im Schatten und ein halber Liter verdunstet aus der Flasche. Ich lasse den Rucksack bei der Bank und mache mich die 50 Meter eben zum Gipfel samt Gipfelbuch auf, trage mich sauberle ins Gipfelbuch mit Namen, Abgangs- und Zielort ein. Fast wie bei den Hüttenbüchern in den Alpen. Als ich zur Bank zurückkehre, bemerke ich einen Stein hinter der Bank, der beinahe eingewachsen ist. Es ist der alte Grenzstein zwischen den Bistümern Fulda und Würzburg. Dieser ist seit 1945 auch Grenzstein zwischen Bayern und Hessen. Ich bleibe vorerst auf bayerischer Seite.
Wenige Schritte später tauche ich in den Wald ein und erreiche auch schon fast die „Hohe Hölle“, den zweiten Gipfel des Tages. Hier zieht eine Bushaltestelle an einem Wiesenweg meinen Blick auf sich. Bushaltestelle Hohe Hölle mit Hinweis zur Seilbahn? Hier? Das schaue ich mir genauer an. Ein paar lustige Jungs aus der Umgebung haben sich einen Scherz erlaubt. Der Fahrplan sieht tägliche Direktverbindungen u.a. nach Paris vor. Durch den Wald geht es langsam aber stetig immer bergan. Hier stehen die Grenzsteine Bayern-Hessen mitten auf dem Weg, so dass man mit einem Bein in Bayern und den Anderen in Hessen wandern kann. Ich komme an einigen offenen Wanderschutzhütten vorbei, die zur Rast einladen.
Ich komme der Wasserkuppe näher. Das merkt man am zunehmenden Flugverkehr und den mehr werdenden Basaltblöcken am Wegesrand. Ich muss die B284 queren. Motorradfahrer dröhnen durch den Wald, ist der Parkplatz mit seinen Kiosken doch ein beliebter Treffpunkt der Zweiradfahrer. Aus dem Wald kommend sehe ich den ehemaligen Radardom auf dem Gipfel und treffe ich auf ein Schild „Fuldaquelle“. An einem Traktor, der ein abgeerntetes Getreidefeld unterpflügt und ordentlich Staub aufwirbelt – es ist auch hier viel zu trocken - vorbei steige ich zur Fuldaquelle am Südhang der Wasserkuppe auf. Hier ist ordentlich Trubel. Nun Ja, es ist Wochenende und die Fuldaquelle ist neben den Segelfliegen, dem Museum und dem Gipfel ein attraktives Ausflugsziel für Familien aus Fulda. Vor allem bei gutem Wetter wie heute.
Ich komme am Flugplatz an. Heute wird in Ostrichtung gestartet. Ich bleibe ein paar Minuten stehen und beobachte das Treiben. Zwei Motorflieger sind abwechseln damit beschäftigt Segelflieger auf Höhe zu schleppen, bevor sie fast im Sturzflug wieder zur Landung ansetzten. Die paar Schritte zu den Kiosken bringe ich geschwind hinter mich. Außer mir stehen hier Rad- & Motorradfahrer sowie Spaziergänger an. Ich stelle mich die Reihe und bestelle neben einem Kaltgetränk auch eine Bratwurst, habe ich doch den Gipfel meiner Tour erreicht. Über mir kreisen einige Segelflugzeuge.
Zum Radardom, der auf dem höchsten Punkt Hessens steht, und dem Fliegerdenkmal sind es durch die ehemalige Kaserne am Segelflugmuseum vorbei eine knappe halbe Stunde. Die Wasserkuppe gilt als die Wiege des Segelfluges und war neben Rosskitten in Ostpreußen eine der großen Segelflugausbildungsstätten in den Zwanzigern und Dreißigern des vorigen Jahrhunderts. An beiden Stätten konnten Weltrekorde geflogen werden. Der Erste schon am ersten Tag, war doch die Wasserkuppe der erste Ort, an dem ein Segelflugzeug wirklich abhob und fünf Minuten in der Luft blieb.
Am Fliegerdenkmal für die gefallenen Segelflieger des 1. Weltkrieges vorbei mache ich mich nach Osten auf zur der Abtsroder Kuppe auf, wo die Modell- und Gleitschirmflieger heute ihr Betätigungsfeld haben.
Hier soll ein Weg nach Abtsrode hinunterführen. Über einen gemähten Wiesenstreifen erreiche ich sehr steil abwärts unter einem Skilift gehend einen Querweg. Dies muss der Weg gewesen sein. Wenige Meter den Querweg folgend stehen nahe einem plätschernden Brunnen eine Kasse und Sonnenstühle. Gute Idee. Ein Schild weist darauf hin, im Brunnen seien Getränke und die Sonnenstühle seien für Jedermann. Keine 10 Minuten später bin ich in Abtsrode.
Nach Abtsrode muss ich nochmal den Berg rauf, bevor ich ab den Unterstand des Modelflugclubs Abtsrode Blasmusik höre. Die Hütte kann nicht mehr weit sein. Schön Blasmusik für mich zum Empfang? Eher nicht. Ich wusste, dass es heute auf der Hütte Frühstück samt Blasmusik gibt. Die Aussichtsterrasse mit Blick auf den Milseburg liegt in der Sonne und ist voll. Mountainbiker, Familien mit Kindern und Spaziergänger dominieren.
Das Personal hat alle Hände voll tun, erlaubt mir aber im leeren Gastraum meinen Rucksack abzustellen, bevor ich meine Unterkunft zugewiesen bekommen. Ich entscheide mich gegen ein Einzelzimmer und wähle das Lager. 12 € als DAV-Mitglied ist unschlagbar günstig. Mal sehen, wie voll es wird. Ich verziehe mich in den Schatten, wo die Musiker sitzen. Irgendwie schien ich als Wanderer erkannt zu werden. Kein Wunder, bin ich doch verschwitzt und trage Wanderbekleidung. Es entspinnt sich das typische Woher-wohin-wieso Gespräch. Die Musiker erzählen mir von ihren Wanderfahrungen. Einige von Ihnen sind Teilnehmer von Wallfahrten, wo 30 bis 40 Kilometer mit Musikinstrumenten als Tageswegleistung abzuleisten sind. Hut ab. Hunger und Durst werden vorzüglich gestillt.
Als der Tag zu Ende geht und die Terrasse leerer wird sind außer mir, dem Personal noch ein Pärchen übrig. Die haben ein Doppelzimmer, so dass ich das ganze Lager für mich allein habe. Heute bin ich nach gut 4 Stunden Gehzeit knapp 19 Kilometer Strecke mit 680 Höhenmeter Anstieg an der Einzianhütte, der nördlichsten bewirtschafteten DAV-Hütte angekommen.