Tag 44 – Dehningshof nach Neu-Lutterloh
Ohne Frühstück verlasse ich meine Schlafstatt, wende mich nach links und gehe nach Norden. Ich umrunde den Angelbeckteich. Der Teich ist als Feuerlöschteich entstanden, und ich lasse mich für eine kurze Pause auf einer hölzernen Liegebank nieder. Ich bringe nichts und ich hole nichts. Später komme ich am Denkmal für die verstorbenen Feuerwehrleute der Brandkatastrophe von 1975 vorbei. Nun geht es ein Stück auf Schotter ostwärts, bevor ich eine Landstraße überquere und auf Waldwegen, nordwestlich gehend, ins Tiefental gelange. Hier sind erneut größere Heideflächen zu beiden Seiten des Weges durch das tief eingeschnittene Tal. Außerdem komme ich hier am ersten Bienenzaun vorbei. Dies sind große, auf einer Seite offene Holzunterstände, in denen die Imker ihre Bienenkörbe unterstellen. Früher war neben der Landwirtschaft, insbesondere der Schafzucht, auch die Imkerei ein bedeutender Wirtschaftszweig in der Heide.
Mir begegnen hier ein paar Spaziergänger mit Hunden, aber kaum Wanderer. Wenig später erreiche ich die Misselhorner Heide mit ihrem Wanderparkplatz. Hier sind ausgedehnte Heideflächen zu beiden Seiten des Weges. Ein Wanderpaar fragt mich nach dem Woher, und ich erkläre, wo ich letzte Nacht übernachtet habe. Leider habe sie eine Heuallergie, meint sie. Der Parkplatz ist voll, aber ein wenig abseits finde ich eine Bank unter einer Eiche. Erste größere Pause: Getränke und Müsliriegel.
Die Heide wächst nicht nur hier langsam zu. Man sieht auf fast allen Flächen junge Birken und vor allem Kiefern sprießen, die das typische Heidekraut und die Erika verdrängen. Unter den großen Bäumen ist es der Erika oder dem Kraut zu dunkel oder zu trocken, da dort keines von beiden gedeiht.
Auch nach dem schönsten Ausblick muss es weitergehen. Auf nach Weesen – wollte ich doch dort einkehren. Über die Kreisstraße und weiter auf Feldwegen geht es nach Weesen. Kurz vor dem Ort kommt mir eine männliche Rentnertruppe entgegen, die mich ob meines Gepäcks anspricht. Ich erkläre, ich wolle heute nach Lutterberg. Das eigentliche Ziel sei aber Hamburg. Nach Hamburg sei es noch weit, erfahre ich wenig überrascht.
In Weesen finde ich tatsächlich eine schöne Einkehr und bestelle mir einen Cappuccino. Der ist wirklich gut. Na ja, hat auch ein Schwabe aus Augsburg gemacht.
Als ich mich wieder aufmache, stelle ich fest, dass mein Handy den Weg nicht mehr aufzeichnet. Ich habe keinen Empfang. Komisch, habe ich doch auf der Terrasse des Hotels noch die Via Romea Germanica recherchiert. Der Abt des Klosters Stade an der Elbe ist, um ein theologisches oder Ordensthema mit dem Papst zu debattieren, zu Fuß von Stade nach Rom marschiert. Die Unterlagen über den Weg wurden in den letzten Jahren wieder aufgefunden und als zweiter Pilgerweg von Deutschland nach Rom – neben dem „fränkischen Weg“ – ausgeschildert.
Handy- und Internetempfang sind in der Südheide offenbar ein akutes Problem. Ich hatte die Karte zwar heruntergeladen, aber der GPS-Empfang scheint zurzeit auch problematisch zu sein. Ich speichere erst einmal und öffne einen „neuen Weg“. Keine 500 Meter außerhalb Weesens habe ich auf dem Schotterweg, der einen Hügel hinaufführt, wieder Empfang.
Immer wieder ist ein tiefes Grollen zu vernehmen. Gewitter kann es nicht sein, ist doch keine Wolke am Himmel. Außerdem ist es viel zu regelmäßig, und es scheint zwei unterschiedliche Grollen zu geben. Die Lösung ist der leichte Ostwind, der von Unterlüß herüberweht. Rheinmetall hat in Unterlüß die größte Munitionsfabrik Deutschlands, und die Bundeswehr erprobt dort in Kooperation mit Rheinmetall neue Munitionstypen. Das Grollen ist das Abschlussgeräusch unterschiedlicher Artilleriekaliber.
Immer ostwärts erreiche ich durch den Wald Lutterloh, wo ich heute eigentlich nächtigen wollte. Aber es ist noch früh. Also Pause, etwas trinken und Müsliriegel auf einer Bank am Treppenspeicher. Es sind nur gut 8 Kilometer und knapp 90 Minuten Gehzeit.
Ich will nach Neu-Lutterloh, habe ich doch in Unterlüß Quartier gemacht. Also weiter. Über die Straße und durch den Ort geht es ostwärts durch ein Wäldchen mit offenen Heideflächen nach Neu-Lutterloh. Nach 90 wirklich abwechslungsreichen Minuten erreiche ich die Bushaltestelle Neu-Lutterloh und stelle fest: Ich habe den Bus um fünf Minuten verpasst.
Ich mache mir mit AC/DC erst einmal Luft, habe ich doch die fünf Minuten an einer schönen alten Eiche verhockt. Warum trampst du nicht? Du bist alt genug, und in 50 Minuten – „Highway to Hell“ war gerade durch – kommt der Bus. Was soll passieren?
Siehe da: Das siebte Auto, ein Hyundai-SUV, hält und bringt mich wohlbehalten zum Bahnhof Unterlüß, wo ich bei neuen Türken meines Vertrauens erst einmal etwas zu Mittag futtere. Als ich fertig bin, stelle ich fest: Zum Hotel sind es noch knapp 1,8 Kilometer zu Fuß. Was soll's?
Abends kehre ich auf ein Kaltgetränk in Manni's Bikercafé ein und eruiere den Busfahrplan für morgen zurück nach Neu-Lutterloh. Es fährt alle Stunden ein Bürgerbus mit acht Sitzplätzen.
Heute bin ich in etwa vier Stunden reiner Gehzeit und gut 21 Kilometer Strecke mit insgesamt 100 Höhenmetern Anstieg dem Zwischenziel Hamburg nähergekommen.