Tag 46 – Faßberg nach Wietzendorf

Ohne Frühstück ging es über Uelzen mit seinem Hundertwasserbahnhof, wo ich schließlich gefrühstückt habe, mit der Bahn und leichtem Gepäck ins gestrige Unterlüß. Dort empfing mich meine gestrige Busfahrerin des Bürgerbusses der Linie 1 lächelnd. Sie konnte meine Frage, wieso Faßberg, das zumindest zu Luftbrückenzeiten einen Bahnhof hatte – wurde doch vor allem Kohle von Faßberg nach Berlin geflogen –, auch nicht beantworten. Die Bahnlinie sei irgendwann in den 70ern stillgelegt worden. Wie überall eben.

Ich verlasse als Letzter den Bus am gestrigen Einstiegspunkt und mache mich auf den Weg. Ich schaue kurz am Mahnmal für die Toten der Luftbrücke am Rathaus im Ort, wenige Schritte von der Bushaltestelle entfernt, vorbei. Dann mache ich mich auf Richtung Bahnhof Poitzen, nun Ausflugslokal. Über schmale, naturbelassene Pfade durch den Wald erreiche ich den Bahnübergang und den „Bahnhof“.

Kurz vor dem Örtchen Poitzen sehe ich sie: Die ersten dunklen Heidschnucken stehen zusammen mit „normalen“ Schafen auf einer Weide. Im Ort sehe ich am Ortsausgang auf einer Bank im beginnenden Regen zwei regungslos sitzen. Wenn die Einheimischen ohne Schirm seelenruhig auf der Bank sitzen, kann es nicht lange regnen, und lasse folgerichtig mein Regenzeug im Rucksack. Als ich näher komme, erkenne ich: Es sind zwei Puppen. Geregnet hat es trotzdem nicht mehr, als ich die zwei fotografierte.

Der Heidschnuckenweg verläuft östlich des kleinen Flusses nach Müden. Nach Müden will ich nicht und wähle die Westseite der Örtze, die auch zu breit zum Drüberspringen ist, und lasse Müden östlich von mir. Nun bin ich auf einer der unzähligen Heideschleifen, die um den Heidschnuckenweg gelegt sind.

Ich komme an einem Campingplatz vorbei, an dem schon morgens gegrillt wird. Eine Wanderin fragt, wo ich hinwill. Sie wolle zum Wietzer Berg. Da ich keine Ahnung hatte, wo der ist, aber ein Hinweisschild vor mir sah, das zu eben diesem wies, zeigte ich ihr die Richtung. Die Wietze – da hätte man darüber springen können – quere ich auf einer neu gebauten Holzbrücke. Es geht durch ein kleines, abgesetztes Wohngebiet von Müden, und ich komme an den 3-Steine-Weg.

Müden hat drei mit dem Ort und verbundenen Künstlern, allen voran dem berühmten Heidedichter Hermann Löns, aber auch Richard Linde, einem Heimatforscher aus Hamburg, und dem Grafiker Fritz Flebbe, Denkmäler in Form großer Findlinge gesetzt.

Bemerkenswert zu Löns, einem begeisterten Jäger, ist, dass er sich im August 1914 als 48-Jähriger freiwillig zum Militär meldete und statt des ihm angebotenen Postens als Kriegsberichterstatter – immerhin war er Journalist im Hauptberuf – zur Infanterie meldete. Zwei Wochen nach seinem Eintreffen an der Marne im September 1914 war er auch schon tot. Wenigstens ging es schnell. Als Todesursache wird ein Herzschuss angegeben.

Der Löns-Stein steht auf dem Wietzer Berg. Gipfel kann man die runde Hügelfläche ja nicht nennen. In unmittelbarer Nachbarschaft des Steins stehen eine Vielzahl Bänke. Ich lasse mich nieder und leere eine meiner Wasserflaschen. Neben mir lassen sich zwei Männer nieder. Auf deren Frage, wo ich hinwill, erwidere ich: Wietzendorf.

Unerklärlicherweise erkennt der eine, dass ich Schwabe bin. Er habe Verwandtschaft in Balingen, und es entspinnt sich eine Diskussion darüber, weshalb die Dialekte auf dem Rückzug sind und er dies schade findet. Er verstehe Plattdeutsch, könne es aber nicht mehr sprechen, da es in der Schule nicht gelehrt werde und Dialekt in der Öffentlichkeit als provinziell und rückständig wahrgenommen werde.

So verbringe ich 15 Minuten in einer intensiven Diskussion über das Bildungssystem in Deutschland, bevor ich am alten Schafstall, der sehr schön reetgedeckt ist, wieder zum eigentlichen Ziel des Tages, dem Heidschnuckenweg, zurückkomme.

Mir kommt eine Wanderin entgegen, die mir erklärt, langsam könne es mal wieder Heideflächen geben. Ich grinse und erwidere, sie habe noch fünf Minuten bis zur nächsten.

Der Weg führt nun zuerst auf einem schmalen Pfad zu einer acht Meter breiten Sandtrasse. An dieser stehen Schilder, dass sich links ein militärischer Sicherheitsbereich anschließt. Es geht auf dieser immer geradeaus nach Nordwesten.

Plötzlich stehe ich an einer Landstraße, und der Weg führt auf der linken Seite der Straße weiter. Es taucht erneut ein Schild auf, auf dem zu lesen ist: „Art.-Feuerstellung Nr. 21. Unbefugtes Betreten …“. Na ja, wer will schon in ein Artillerieschießgebiet?

Wenig später kommt mir ein Pilger entgegen, und wir unterhalten uns über unsere Wandererfahrungen. Er will von Hamburg nach Santiago. „Ich nur nach Sylt“, erkläre ich. „Da habe ich es kürzer und er noch weit“, lachen wir.

An einer großen Eiche kurz vor Wietzenhausen raste ich ein letztes Mal, leere meine Wasservorräte und prüfe den Busfahrplan. Muss ich doch nach Soltau zurück, und das Regenradar zeigt eine dunkle Front, die auf Soltau zukommt. Allzu lange sollte ich nicht herumsitzen.

Also auf! Bevor ich auf Sandwegen an einer Heidelbeerfarm vorbeikomme und Wietzenhausen erreiche, ist links die Windmühle von Wietzenhausen, nun Kindergarten und ohne Flügel, zu erkennen. Ich beschleunige meine Schritte. Die Wolken sind nun deutlich zu erkennen.

Im Dorf finde ich schnell eine Bushaltestelle mit Wartehäuschen. Ist das die Richtige? Die Fahrpläne sind leider abhandengekommen, aber ich habe noch eine gute halbe Stunde. Was tun?

Eine Eisdiele – da kann ich mich nach dem Bus erkundigen und mich erfrischen –, ist meine Überlegung.

Meine Frage an die beiden Beschäftigten, ob der Bus nach Soltau von der Bushaltestelle, auf die ich deute, fährt, wird mit Unwissenheit und „Ich hab’ ein Auto“ als Antwort quittiert. Der Espresso ist dafür ausgezeichnet. Nicht jeder kann offenbar alles.

Zum Glück kann Google Maps Bushaltestellen in jedem Ort anzeigen, und mit ein bisschen Geduld ist sogar der Linienplan gefunden.

Kaum habe ich die Haltestelle erreicht, beginnt es zu regnen. Eine eilig zur Haltestelle eilende Frau bestätigt meine Recherche. Hier fährt der Bus nach Soltau, der auch wenig später kommt.

Als ich den Bus verlasse, hat der Regen zum Glück aufgehört. Gegenüber der Bushaltestelle ist ein Café, wo ich mir einen Kuchen gönne. Man muss dem Körper ab und an etwas gönnen, damit die Seele gern darin wohnt. Quatsch, aber das beruhigt das schlechte Gewissen ob des vielen Zuckers.

Heute bin ich nach knapp vier Stunden reiner Gehzeit und gut 19 Kilometern Strecke mit insgesamt 190 Höhenmetern Anstieg dem Zwischenziel Hamburg nähergekommen.